50plus Kernig doch nicht so erfolgreich?

50plus KERNigNoch vor rund eineinhalb Jahren hatten die Jobcenter Kiel, Neumünster und Rendsburg-Eckernförde ambitionierte Ziele: In dem Gemeinschaftsprojekt 50plus KERNig sollten 3.200 Kunden über 50 betreut werden, von denen 1.100 im Jahr erfolgreich in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis vermittelt werden sollten. Seit dem offiziellen Start des Projekts im März 2011 sollten im Dezember 2011 angeblich bereits 800 Bewerber über 50 durch die Mitarbeiter des Projekts in Arbeit gebracht worden sein. In den Kieler Nachrichten vom 10.12.2011 fragte Jürgen Küppers seinerzeit mit vernehmlichem Erstaunen “Wo sind denn die vielen Jobs?” So recht glauben mochte die Zahlen schon damals niemand (zur Kritik mehr hier).

In der Sitzung des Jobcenter-Beirats vom 29.05.2013 teilte der Geschäftsführer des Jobcenters Kiel nun mit:

“Das Projekt 50+Kernig stellt sich zunehmend als problematisch dar, da es sich meist um Langzeitarbeitslose handelt, die nicht von der Arbeitsmarktentwicklung profitieren.“

Wenn man diesen Satz liest, reibt man sich schon die Augen. Als langzeitarbeitslos gilt, wer ein Jahr oder länger arbeitslos ist, § 18 Abs. 1 SGB III. Die Voraussetzungen erfüllt der ganz überwiegende Teil der Bezieher von Leistungen nach dem SGB II. Was also haben die Projektverantwortlichen erwartet? Das Projekt 50+Kernig stellt sich schlicht deswegen als “problematisch” dar, weil die Ansprechpartner zentral in Kiel und nicht “vor Ort” sitzen (also da, wo die potentiellen Arbeitgeber sitzen könnten), die meist neuen Mitarbeiter schlecht geschult waren, ihre Kunden nicht kannten, die erforderlichen Unterlagen nicht hatten und schlicht keine Beratungs- und Vermittlungsleistungen anbieten konnten, die nicht auch die “ganz normale” Integrationsfachkraft im Angebot hatte. Kurzum: Es war Verschwendung von Steuergeldern. Nicht mehr, aber leider auch nicht weniger.

Mehr zum Thema auf dieser Seite:

50plus KERNig: 800 neue Jobs oder nur 800 neue Arbeitsverträge für die Statistik?

Umfrage: “50Plus KERNig” aus der Sicht von Teilnehmern!

Förderrichtlinie für Teilnehmer am Projekt 50plus KERNig!

Mehr zum Thema:

Ältere haben schlechte Jobchancen

Ältere Arbeitslose am Markt fast chancenlos

BT-Drucksache 17/13298 – Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zum Thema Schlussfolgerungen aus der Evaluation der zweiten Programmphase des Bundesprogramms „Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte in den Regionen“

Rechtsanwalt Helge Hildebrandt, Holtenauer Straße 154, 24105 Kiel, Tel. 0431 / 88 88 58 7

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3 Kommentare on “50plus Kernig doch nicht so erfolgreich?”

  1. Martina Bedregal Calderón sagt:

    Und Ähnliches lässt sich von Jobstart etc. berichten. Bei Jobstart wurde ich seinerzeit von einer „Vermittlungscoacherin“ betreut, die vorher, wie sie mir erzählte, Bäckergehilfin in der Bäckerei ihrer Eltern gewesen war. Ich habe ihr dann noch Tipps zur Weiterbildung und Jobsuche gegeben, nicht sie mir. Ein Bewerbungscoaching sollte ich von Jobstart auch bekommen. Da wurde dann versehentlich gleichzeitig mit mir und einer anderen Arbeit Suchenden ein Termin zur Beratung gemacht. Eineinhalb Stunden lang unterhielten sich die „Bewerbungscoacherin“ (vorher Marketingassistentin in der Schweiz, also auch branchenfremd) über ihre Hunde, dann wurde es mir zu blöde und ich verließ den „Beratungstermin“.

    Vermittlungsvorschläge bekam ich von Jobstart in 6 Monaten ganze drei. Alle drei Vorschläge passten absolut nicht zu meinen Qualifizierungen, einder davon war ein Putzjob in Preetz für täglich eineinhalb Stunden…Da wäre die Fahrtzeit länger als die Arbeitszeit gewesen und die Fahrkosten höher als der Lohn…. In der selben Zeit (6 Monate) habe ich in Eigeninitiative mich auf 40 Stellen beworben.

  2. Björn Nickels sagt:

    Hallo Helge,

    vielen Dank für die zusätzliche Aufklärung, dass 50plus Kernig doch ggf. nicht so erfolgreich ist.

    Habe mal in alten Werbeanzeigen des Jobcenters Kiel im Kieler Express (kostenpflichtig für´s
    Jobcenter) nachgeschaut. Dort steht u. a. in der Februar 2012 – Werbeanzeige, ich zitiere einige Zeilen:

    http://www.jobcenter-ge.de/lang_de/nn_498350/Argen/ArgeKiel/SharedDocs/Publikationen/Pressemitteilungen2008/12-02-KE-JobcenterNachrichten-Ausgabe2-Februar2012,templateId=raw,property=publicationFile.pdf/12-02-KE-JobcenterNachrichten-Ausgabe2-Februar2012

    Zitatbeginn:

    „Vor einem Jahr schlossen sich die Jobcenter Kiel, Neumünster und Rendsburg-Eckernförde zum Projekt 50plus KERNig zusammen. Das Ziel: Arbeitsuchenden jenseits der 50 spezielle Angebote zu machen, um ihnen zu einem neuen Job zu verhelfen. Die Bilanz nach dem ersten Jahr des Bestehens kann sich sehen lassen.“

    Zitatende!

    ———————————————————————————————————————

    Ob das Projekt noch bis Februar 2012 erfolgreich war und jetzt nicht mehr oder ob es
    nie erfolgreich war?! Das müssen die ExpertInnen beurteilen!

    Fragen über Fragen …

    Gruß

    Björn Nickels

    • Sagen wir es so: Wenn man die Vermittlung in Arbeit für ein paar Wochen bis Monate als Erfolg betrachtet, kann man sich mit viel Autosuggestion und einem Arsenal rosaroter Brillen Vermittlungserfolge zusammendichten. In dem Beitrag hatte ich ja auf einen älteren Artikel verlinkt, der eine Methode, schöne Zahlen zu generieren, schildert (hier nochmals der Link).


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